Multiplikatorverfahren einfach erklärt

Das Multiplikatorverfahren ist die am weitesten verbreitete Bewertungsmethode im Mittelstand. Die Grundidee: EBIT mal Faktor gleich Unternehmenswert. Was hinter dem Verfahren steckt, welche Branchenmultiplikatoren üblich sind und wo die Grenzen liegen.

Wenn es um die Frage geht, was ein Unternehmen wert ist, führen viele Wege zum Ziel. Ertragswertverfahren, Discounted-Cashflow-Methode, Substanzwertverfahren. Aber eine Methode hat sich im Mittelstand durchgesetzt, weil sie das tut, was Unternehmer schätzen: Sie kommt auf den Punkt.

Das Multiplikatorverfahren. Oder, wie es oft heißt: die EBIT-Multiple-Methode.

Die Grundidee passt in einen Satz: Nehmen Sie Ihren operativen Gewinn und multiplizieren Sie ihn mit einem branchenüblichen Faktor. Das Ergebnis ist eine Einschätzung Ihres Unternehmenswerts.

Klingt einfach. Ist es im Kern auch. Aber wie bei den meisten einfachen Dingen steckt der Teufel im Detail.

Was ist ein EBIT-Multiple?

EBIT steht für "Earnings Before Interest and Taxes", also den Gewinn vor Zinsen und Steuern. Im Deutschen: das operative Ergebnis.

Warum gerade diese Kennzahl? Weil das EBIT zeigt, was Ihr Unternehmen aus dem eigenen Geschäftsbetrieb heraus verdient, unabhängig davon, wie es finanziert ist und welche Steuerstruktur Sie gewählt haben. Ein Käufer wird seine eigene Finanzierung mitbringen und seine eigene Steuergestaltung aufsetzen. Was ihn interessiert, ist die operative Ertragskraft.

Der Multiplikator (oder Multiple) ist der Faktor, mit dem dieses EBIT multipliziert wird. Er bildet ab, was Käufer in einer bestimmten Branche bereit sind zu zahlen.

Die Formel:

EBIT x Multiple = Unternehmenswert (Enterprise Value)

Das Ergebnis ist der sogenannte Enterprise Value, also der Gesamtunternehmenswert. Davon werden noch Schulden abgezogen und vorhandene Liquidität hinzugerechnet, um auf den Eigenkapitalwert zu kommen, also den Betrag, der beim Verkäufer ankommt. Aber dazu gleich mehr.

Ein Rechenbeispiel

Ein Handwerksbetrieb mit 35 Mitarbeitern erwirtschaftet ein EBIT von 500.000 Euro. Der branchenübliche Multiplikator liegt bei 4 bis 6.

Das ergibt:

  • Untere Bandbreite: 500.000 x 4 = 2.000.000 Euro

  • Obere Bandbreite: 500.000 x 6 = 3.000.000 Euro

Der Enterprise Value liegt also zwischen 2 und 3 Millionen Euro. Hat das Unternehmen 400.000 Euro Bankschulden und 200.000 Euro auf dem Konto, liegt der Wert für den Verkäufer bei 1,8 bis 2,8 Millionen Euro.

Warum die Bandbreite so groß ist? Weil der Multiplikator nicht nur von der Branche abhängt, sondern von einer ganzen Reihe individueller Faktoren. Dazu kommen wir gleich.

Typische Branchenmultiplikatoren

Die folgenden Werte sind Orientierungsgrößen, keine verbindlichen Marktdaten. Sie basieren auf Transaktionserfahrungen und öffentlich zugänglichen Branchenvergleichen. Jedes Unternehmen ist anders, und der tatsächliche Multiplikator kann deutlich abweichen.

Handwerk und Bau: 3 bis 5x EBIT. Inhaberabhängigkeit ist hier oft hoch, was den Multiplikator drückt. Betriebe mit einer funktionierenden zweiten Führungsebene und planbaren Aufträgen landen am oberen Ende.

Handel (Groß- und Einzelhandel): 3 bis 5x EBIT. Die Margen sind oft dünn, der Wettbewerb intensiv. Händler mit eigener Marke, stabilen Kundenbeziehungen oder Nischenposition werden höher bewertet.

Produzierendes Gewerbe und Maschinenbau: 4 bis 7x EBIT. Eine breite Spanne. Spezialmaschinenbauer mit hohem Auftragsbestand und eigener Technologie können deutlich über dem Durchschnitt liegen. Lohnfertiger eher darunter.

Dienstleistung: 4 bis 6x EBIT. Entscheidend ist hier, wie stark das Geschäft an einzelnen Personen hängt. Eine Beratung, die von drei Partnern lebt, bekommt einen anderen Multiplikator als ein Dienstleister mit 80 Mitarbeitern und strukturierten Prozessen.

IT und Software: 6 bis 10x EBIT. Der höchste Bereich, weil Software-Unternehmen oft skalierbar sind, wiederkehrende Umsätze haben und hohe Margen erzielen. Aber auch hier gilt: Ein IT-Systemhaus ist kein SaaS-Unternehmen.

Gesundheit und Pharma: 5 bis 8x EBIT. Regulierte Märkte mit stabiler Nachfrage treiben den Multiplikator nach oben.

Diese Zahlen geben eine Richtung vor. Nicht mehr. Zwei Unternehmen in derselben Branche mit demselben EBIT können einen völlig unterschiedlichen Wert haben, weil die qualitativen Faktoren anders aussehen.

Was den Multiplikator nach oben oder unten bewegt

Der Branchendurchschnitt ist der Startpunkt. Wo Ihr Unternehmen innerhalb der Bandbreite landet, hängt von Faktoren ab, die ein Käufer ganz konkret bewertet.

Unternehmensgröße: Größere Unternehmen erzielen in der Regel höhere Multiplikatoren. Ein Betrieb mit 10 Millionen Euro Umsatz wird anders bewertet als einer mit 2 Millionen. Der Grund: weniger Risiko, mehr Struktur, breitere Basis.

Wachstum: Wächst Ihr Umsatz und Gewinn? Dann zahlen Käufer mehr, weil sie eine positive Zukunft kaufen. Stagnation oder Rückgang drückt den Faktor spürbar.

Inhaberabhängigkeit: Der größte Abschlagsfaktor im Mittelstand. Wenn der Betrieb ohne Sie nicht funktioniert, wird der Multiplikator deutlich niedriger ausfallen. Käufer kaufen ein Unternehmen, nicht eine Person.

Kundenkonzentration: Macht ein Kunde 30 Prozent Ihres Umsatzes aus, ist das ein Risiko. Breit gestreute Kundenstrukturen werden höher bewertet.

Wiederkehrende Umsätze: Wartungsverträge, Abo-Modelle, Rahmenverträge. Alles, was planbare Einnahmen erzeugt, hebt den Multiplikator.

Marktposition: Sind Sie in Ihrer Nische die Nummer eins oder zwei? Das hat einen messbaren Effekt auf die Bewertung.

Wo das Multiplikatorverfahren an seine Grenzen stößt

Das Verfahren ist verständlich und praxisnah. Aber es bildet die Realität vereinfacht ab. Das sollten Sie wissen.

Es basiert auf Vergleichswerten. Wenn es in Ihrer Branche oder Größenordnung wenige vergleichbare Transaktionen gibt, wird die Datenbasis dünn. Der Multiplikator ist dann eher eine Schätzung als ein Marktpreis.

Es bildet individuelle Besonderheiten nur über die Bandbreite ab. Wenn Ihr Unternehmen ein einzigartiges Patent hält, eine besonders starke Marke hat oder in einem Nischenmarkt ohne Wettbewerb operiert, kann der tatsächliche Wert über dem liegen, was der Multiplikator hergibt.

Und es sagt nichts über den tatsächlichen Verkaufspreis. Der hängt am Ende auch von Angebot und Nachfrage ab, von der Verhandlung, vom Zeitpunkt.

Ein Multiple gibt eine Orientierung. Nicht mehr, nicht weniger.

So nutzt unser Rechner das Multiplikatorverfahren

Der Rechner auf mein-unternehmenswert.de arbeitet genau nach diesem Prinzip. Sie geben Ihre Branche und Ihr EBIT ein. Der Rechner ordnet den passenden Branchenmultiplikator zu.

Zusätzlich fließen qualitative Faktoren ein: Inhaberabhängigkeit, Kundenstruktur, Wachstum und weitere Punkte, die den Multiplikator innerhalb der Bandbreite nach oben oder unten verschieben. Das Ergebnis ist kein Gutachten, aber eine fundierte erste Einschätzung, die deutlich über ein reines Bauchgefühl hinausgeht.

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